Praxisporträt Bonn: Begleitung und Mentoring sind zentral für den Erfolg

„Viele unserer Teilnehmerinnen sind vor ihrem beruflichen Einstieg oder Wiedereinstieg zunächst verunsichert und trauen sich nicht zu, regelmäßig einen Beruf auszuüben“, beschreibt Shilan Fendi die Teilnehmerinnen des Programms „Stark im Beruf“ im Bonner Verein für Pflege- und Gesundheitsberufe e.V. „Durch unser Mentoringprogramm und unsere kontinuierliche Begleitung gelingt es uns jedoch, bei den Teilnehmerinnen Vertrauen aufzubauen und ihnen überzeugend Wege in den Beruf aufzuzeigen“, erklärt die engagierte Projektleiterin und Pflegepädagogin den Ansatz. Als größtes Fachseminar für Altenpflege in Bonn bietet der Verein staatlich anerkannte Berufsausbildungen und berufsbegleitende Weiterbildungen im Bereich der Altenpflege an. 

Theorie und Praxis verknüpfen

Um Mütter mit Migrationshintergrund in eine Ausbildung zu bringen, unterstützt die Einrichtung die Frauen vom Erstgespräch bis zum Erwerb des Ausbildungszertifikats durchgehend in allen Phasen der Vorbereitung und Qualifizierung. Nach ihrem Einstieg in „Stark im Beruf“ können die Mütter in einer ersten Schnupper- und Orientierungsphase im Verein durch Sprachkurse ihre Deutschkenntnisse verbessern, den Hauptschulabschluss nachholen oder Unterstützung bei der Anerkennung eventueller ausländischer Schulabschlüsse erhalten. Darüber hinaus werden die Teilnehmerinnen durch Unterrichtseinheiten im Bereich Pflege und Hauswirtschaft auf eine Ausbildung vorbereitet und können durch zweiwöchige Schnupperpraktika in der stationären oder ambulanten Pflege bei Kooperationspartnern erste Praxiserfahrung sammeln. Voraussetzung für die angebotene Ausbildung zum/r Altenpfleger/in sind ein Realschulabschluss, ein Hauptschulabschluss 10a oder ein Hauptschulabschluss 9 mit einer ersten Ausbildung, für die Ausbildung zum/r Altenpflegehelfer/in ist ein Hauptschulabschluss 9 vorzuweisen. Gleichzeitig werden gute deutsche Sprachkenntnisse erwartet, mindestens auf Niveau B2 bzw. B1. Die Teilnehmerinnen haben im Projekt ebenfalls die Möglichkeit, sich zur zusätzlichen Betreuungskraft nach § 87b Abs. 3 SGB XI weiterzubilden.

Mentorinnen wirken als Vorbilder und als Motivatorinnen

Für den Erfolg des Projekts macht Shilan Fendi vor allem die Projektmentorinnen verantwortlich: „Die Mentorinnen sind Frauen mit Migrationshintergrund, die bereits selbst in Pflegeberufen arbeiten. In vielen Fällen befanden sie sich in der gleichen Ausgangslage wie die aktuellen Teilnehmerinnen: Viele von ihnen haben ebenfalls Kinder und verfügten anfänglich über keine formelle Qualifikation und keine guten Deutschkenntnisse. Die Frauen identifizieren sich mit den Mentorinnen, da diese den vor ihnen liegenden Weg bereits erfolgreich gegangen sind. Die Mentorinnen können aus eigener Erfahrung Ratschläge geben und Fragen beantworten. Und sie bilden die Brücke zwischen Theorie und Praxis. Zum Beispiel nehmen die Mentorinnen die Teilnehmerinnen einfach mal einen Tag zur Arbeit mit und zeigen ihnen den Berufsalltag. Die Motivation der Mentorinnen wiederum besteht darin, die Teilnehmerinnen auf ihrem nicht immer leichten Weg in den Beruf zu unterstützen und zu zeigen, dass es in der Pflege tolle Berufe gibt.“ Für ihre Mitwirkung an Schnuppertagen o. ä. erhalten die Mentorinnen ein Taschengeld, das eigentliche Mentoring funktioniert auf ehrenamtlicher Basis. Ablauf und Intensität des Mentorings gestalten Mentorinnen und Programmteilnehmerinnen selbst nach ihren individuellen Präferenzen und Unterstützungsbedarfen. In der Regel begegnen sich Mentorin und Teilnehmerin bereits im Einstiegsgespräch - im weiteren Verlauf dann während einzelner Unterrichtseinheiten, während des Schnupperpraktikums sowie schwerpunktmäßig zu Beginn der Ausbildung. Durch die Mentorinnen und die interkulturelle Kompetenz des Projektteams fassen die Teilnehmerinnen schnell großes Vertrauen, fühlen sich zugehörig und verstanden. „Die dadurch entstehenden guten Beziehungen und die Kontinuität in der Zusammenarbeit ist sehr wichtig, um die Frauen ans Ziel zu bringen. In der Ausbildung gibt es eine Vielzahl von Schwierigkeiten – hier braucht es jemanden an der Seite, der nicht nur vermittelt, sondern auch motiviert“, erklärt Shilan Fendi.

Viele Frauen haben bereits am Programm teilgenommen

„Nachdem die Teilnehmerinnen anfangs vor allem über das Jobcenter zu uns kamen, wächst die Bekanntheit des Programms mittlerweile insbesondere durch Mund-zu-Mund-Propaganda“, zeichnet die Projektleiterin die Entwicklung im Programm nach. „Viele Frauen erfahren auch durch den Besuch von Sprachschulen oder durch unsere Kooperationspartner von uns.“

Viele der Frauen stammen ursprünglich aus Afrika und leben meist schon seit vielen Jahren in Deutschland. Der Großteil der Frauen hat einen Schulabschluss – einige Frauen haben in ihren Heimatländern studiert. Insbesondere die Frauen mit akademischem Hintergrund profitieren nach der Ausbildung  auch von den Weiterbildungsangeboten des Vereins. Hier können sie sich zum Beispiel zur Wohnbereichsleiterin weiterqualifizieren.  

Herausforderung Kinderbetreuung

Trotz Verbesserungen in den vergangenen Jahren ist die Betreuung der Kinder während der Arbeitszeit immer noch ein großes und in einigen konkreten Fällen unüberwindbares Problem für die Frauen. Während des Unterrichts im Verein wird eine Kinderbetreuung angeboten. In der beruflichen Praxis müssen die Frauen allerdings teilweise zu Randzeiten wie der Frühschicht arbeiten - viele Kitas bieten zu diesen Zeiten jedoch keine Betreuung an.

Damit Eltern der Balanceakt zwischen Familie und Beruf besser gelingt, fördert das Bundesfamilienministerium mit dem Programm „KitaPlus“ Kitas und Kindertagespflegeeinrichtungen, die eine Betreuung von Kindern außerhalb der üblichen Öffnungszeiten ermöglichen. Davon profitieren vor allem Alleinerziehende, Eltern in Schichtarbeit und Mütter, die in den Beruf zurückkehren möchten.

Weitere Informationen zum Bundesprogramm KitaPlus

„Die ausbildenden Betriebe wiederum können für die Teilnehmerinnen keine Ausnahmen hinsichtlich der Arbeitszeiten erlauben, da eine entsprechende Vorzugsbehandlung teamintern zu Schwierigkeiten führen kann“, erklärt Shilan Fendi. „Hier sind die Kinderbetreuungseinrichtungen die Schule aber auch die Pflegeeinrichtungen  gefragt, innovative Lösungen zu schaffen, damit wir Müttern den beruflichen Wiedereinstieg ermöglichen können.“