Interview mit Prof. Dr. Carsten Wippermann

„Frauen wollen heute beides: Beruf und Familie“

Prof. Dr. Carsten Wippermann ist Gründer und Leiter des Delta-Instituts für Sozial- und Ökologieforschung, das sich darauf spezialisiert hat, gesellschaftliche Veränderungen zu messen. Ein wichtiges Thema ist dabei die Geschlechtergerechtigkeit und der Rollenwandel von Männern und Frauen in unserer Gesellschaft.

Im Interview berichtet der Soziologe, warum die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für viele Mütter noch immer schwierig ist und welche Rolle die Gleichstellung von Frauen und Männern dabei spielt.  

Junge Frauen und Frauen, die mitten im Leben stehen, haben heute eine ebenso gute schulische Ausbildung und berufliche Qualifikation wie Männer im gleichen Alter. Da sie viel in ihre Ausbildung investiert haben, wollen sie finanziell eigenständig sein. Sie haben auch den Wunsch, ihre eigene Familie versorgen zu können.

Der Beruf ist dabei nicht nur ein Job, um Geld zu verdienen, sondern auch eine Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und neue Erfahrungen zu sammeln. Insofern ist für die Frauen die Erwerbstätigkeit eine ganz wichtige Säule in ihrem Leben.

Gleichzeitig sagen Frauen heute aber nicht, dass ihnen die Karriere so wichtig ist, dass sie auf Familie verzichten wollen. Ihnen geht es um beides: Sie wollen Beruf und Familie. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist jedoch herausfordernd.

Es ist nicht der eigene Mann oder Partner, der seine Ehefrau oder Partnerin unterdrückt oder sie kleinhält, sondern es sind gesellschaftliche Strukturen, die dazu führen, dass es Mütter ungleich schwerer haben, Beruf und Familie zu vereinbaren. Eine Hürde ist beispielsweise unser Lohnsteuerklassensystem, das häufig dazu führt, dass ein ohnehin niedrigeres Einkommen der Frauen durch die Steuerklassenwahl höher besteuert wird. Wenn das Paar dann ein Kind bekommt, überlegen die beiden dann, wer ökonomisch sinnvollerweise die Erwerbstätigkeit unterbrechen sollte und das ist dann in der Regel die Frau.

Ein anderes Beispiel: Wenn Mütter nach einer Unterbrechung wieder in den Beruf einsteigen, bekommen sie oft ein deutlich geringeres Gehalt als vorher. Oder sie steigen mit einem Minijob ein mit der Verheißung, dies sei eine Brücke in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Oftmals bleiben die Mütter aber dauerhaft in den Minijobs und werden viel schlechter bezahlt als in einer regulären Anstellung. Bleiben Sie hier hängen, ist das fatal, denn sie haben als junge Mütter oft noch 25 bis 30 Jahre der Erwerbstätigkeit vor sich und sind trotz ihrer beruflichen Qualifikation als Minijobberin stigmatisiert.

Eine dritte Hürde ist die Entgeltungleichheit. Wenn man sich die monatlichen Brutto-Einnahmen von Frauen und Männern anschaut, haben Frauen ein Brutto-Einkommen, dass 45 Prozent geringer ist als das von Männern. Und das, obwohl Frauen dieselben Voraussetzungen und Motivationen haben für ihre Erwerbstätigkeit wie Männer.

Männer haben sich geändert. Sie wollen tatsächlich auf Augenhöhe mit ihrer Partnerin den gemeinsamen Lebensweg gehen. Auch für Männer ist Gleichstellung etwas ganz Wichtiges. Wir sehen ja, dass heute rund 30 Prozent der jungen Väter in Elternzeit gehen. Es gibt eine mentale und verbale Aufgeschlossenheit von Männern in Bezug auf die Gleichstellung – aber gleichzeitig eine ausgeprägte Verhaltensstarre. Denn wenn man das Beispiel der Elternzeit heranzieht, muss man auch sagen, dass 79 Prozent dieser Väter nur die Minimalzeit von zwei Monaten nehmen. Nur sehr wenige Väter gehen fünf oder sechs Monate in Elternzeit. Während es bei den Frauen die Regel ist, dass sie zehn oder 12 Monate in Anspruch nehmen. Hier sieht man, dass das Verhalten von Männern noch sehr traditionell ist.

Es gibt Unternehmen, die sehr aufgeschlossen sind und es unterstützten, wenn Väter in Elternzeit gehen möchten. Hier steckt oft die Motivation dahinter, dass die Unternehmen die Mitarbeiter dauerhaft binden wollen und Fachkräfte nicht verlieren möchten.

Es gibt aber auch Unternehmen, da ist die Alltagskultur sehr traditionell. Das betrifft nicht nur die Unternehmensleitung, sondern auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in derselben Abteilung. Die schauen die Männer dann schräg an, wenn sie sagen, sie müssen früher gehen, um ihr Kind aus der Kita abzuholen. Gerade in den gehobenen Hierarchieebenen finden viele Besprechungen erst nach der eigentlichen Arbeitszeit statt. Wenn Väter dann sagen, zu diesen Zeiten müssen sie sich um die Familie kümmern, ist dieser Bereich oft für sie verschlossen.

In vielen Partnerschaften kommt es im Laufe der Zeit sukzessive zu einer traditionellen Rollenverteilung, zum Beispiel wenn das Paar zusammenzieht. Wenn Frauen nach der Geburt eines Kindes dann die Erwerbstätigkeit mindern, verstärkt sich diese Konstellation. Die Männer sehen sich verstärkt unter dem Druck, das Familieneinkommen zu erwirtschaften. Sie machen dann mehr Überstunden und kämpfen darum, möglichst viel Geld zu verdienen. Ihr Engagement im Haushalt sinkt hingegen sehr stark.

Wenn wir die Lebensauffassungen und Lebensweisen von Menschen betrachten, gibt es durchaus Milieus, die wir als Gleichstellungsavantgarde bezeichnen können. In den konservativen und traditionellen Milieus ist die traditionelle Rollenteilung hingegen Teil ihres Weltbildes. Auch in vielen bildungsbenachteiligten Familien gibt es eine traditionelle Rollenverteilung. Allerdings ist die Situation hier für viele Mütter sehr problematisch, denn der Anteil der Familienernährerin ist in keinem Milieu so hoch wie hier. Viele Frauen haben zwei, drei Stellen, um das Familieneinkommen zu sichern. Doch das wird tabuisiert, denn das Rollenverständnis sieht vor, dass der Mann der Kopf der Familie bleibt, selbst wenn er arbeitslos ist. Für die Mütter ist das eine starke Belastung, denn sie kümmern sich auch komplett um den Haushalt, die Versorgung und die Erziehung der Kinder. Man kann also nicht vom Umfang der Erwerbstätigkeit auf die praktizierte Gleichstellung schließen.