Interview mit Hiltrud Stöcker-Zafari

„Patentrezepte gibt es nicht, es kommt auf die persönliche Situation an“

Hiltrud Stöcker-Zafari ist Geschäftsführerin des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V., der sich bundesweit für die Interessen von interkulturellen Familien einsetzt. In vielen Städten ist der Verband mit Geschäfts- und Kontaktstellen vor Ort und bietet Beratung sowie Kontaktmöglichkeiten an.

Im Interview berichtet Frau Stöcker-Zafari, welche Herausforderungen binationale Eltern zu meistern haben, wenn die Frau eine Berufstätigkeit aufnehmen möchte und wie dies gelingen kann.

Es kommt sehr darauf an, welche Konstellation in der Familie vorliegt. Schwierigkeiten gibt es vor allem dann, wenn einer der Partner aus einem Nicht-EU-Land kommt. Denn dann spielen viele rechtliche Dinge wie beispielsweise der Aufenthaltsstatus eine große Rolle und die Familien sind oft stark auf die Anforderungen der Ausländerbehörde fokussiert. Können die Familien ihren Aufenthaltsstatus nur sichern, wenn das Familieneinkommen entsprechend hoch ist, dann ist der Wunsch oft groß, dass auch die Frau arbeiten gehen kann.

Teilweise gibt es in der Partnerschaft ein unterschiedliches Verständnis von Familie: Wer gehört dazu? Welche Verpflichtungen gibt es? Und welche Rolle nehmen die Partner in der Partnerschaft und in der Familie ein? Fühlt sich etwa der Vater als Ernährer, kann das mit der gewünschten Berufstätigkeit der Mutter kollidieren.

Zunächst kümmert sich die nach Deutschland nachgezogene Frau oft erst einmal nur um die Kinder und orientiert sich hier. Das wird gesellschaftlich viel stärker akzeptiert, als es bei nachgezogenen Männern der Fall ist. Die Herausforderung für die Mütter besteht darin, aus dieser Rolle herauszufinden. Es hängt viel vom Bildungsstand die Frauen ab. Gerade gut gebildete Frauen möchten verständlicherweise nicht unter ihren Qualifikationen arbeiten.

Wenn die Mütter eine Beschäftigung aufnehmen, ist wie auch in deutsch-deutschen Familien die Organisation der Kinderbetreuung ein großes Thema. Allerdings haben binationale Familien häufig kein so breites familiäres Netzwerk vor Ort, das sie in der Betreuung der Kleinsten unterstützen kann. Oft gestaltet sich auch die Suche nach einem passenden Betreuungsplatz für die Kinder – gerade für Familien mit Migrationshintergrund - als langwierig. Viele Eltern möchten zudem, dass die Kita auch im pädagogischen Alltag den interkulturellen Kontext des Elternhauses berücksichtigt und in solchen Einrichtungen sind die Plätze oft rar.

Ein Patentrezept gibt es hier nicht, da es immer auf die individuelle Situation in den Familien ankommt. Viele Mütter zögern in unsere Beratung zu kommen. Denn wenn ein traditionelles Verständnis von Familie herrscht, dann besteht häufig die Auffassung, dass familiäre Probleme nicht in die Ohren von Dritten gehören. Wir versuchen daher die Konflikte – ob diese nun mit der Wiederaufnahme einer Erwerbstätigkeit oder anderen Dingen zusammenhängen – möglichst im familiären Rahmen zu lösen und suchen mit den Müttern nach „Verbündeten“ innerhalb der Familie, die bei dem Problem unterstützen können.

Vielen Müttern hilft auch der Austausch mit anderen Frauen sehr. Sie unterstützen sich dann gegenseitig bei der Kinderbetreuung oder anderen alltägliche Dingen.

Von Seiten der Politik wäre es wichtig, mehr rechtliche Sicherheit zu schaffen, was den Aufenthaltsstatus angeht. Hier sind viele zugewanderte Frauen von ihrem inländischen Partner abhängig. Das schafft ungleiche Machtverhältnisse in der Partnerschaft, die ausgenutzt werden können.

Wir sehen die Initiativen, die das Bundesfamilienministerium unternimmt. Das Konzept der Familienarbeitszeit ermöglicht beiden Elternteilen arbeiten zu gehen – das findet auf jeden Fall unsere Unterstützung.

Unternehmen müssen noch stärker auf Familienfreundlichkeit setzen. Die Unternehmen müssen sehen, dass hinter Männern und Frauen auch Familien stehen. Väter müssen ihrerseits einfordern, dass sie beispielsweise zuhause bleiben können, wenn ihr Kind krank ist. Da sind beide Seiten in der Pflicht.

Die familiäre Unterstützung ist die Grundlage dafür, dass die Mütter durch eine Erwerbstätigkeit der Altersarmut vorbeugen können. Zudem ermöglicht es ihnen gesellschaftliche Teilhabe. Und so kommen letztendlich nicht nur die Mutter, sondern auch der Partner und die Kinder schneller im gesellschaftlichen Leben an.