Zusammenarbeit mit geflüchteten Müttern

„Hohe Motivation, aber viel Orientierungsbedarf“ - Zwei Projekte berichten über die Zusammenarbeit mit geflüchteten Müttern

Viele „Stark im Beruf“-Projekte erreichen auch Teilnehmerinnen mit Fluchterfahrung. Welche Besonderheiten bringt die Arbeit mit geflüchteten Frauen mit sich und wie können Projekte auf die Bedürfnisse der Mütter eingehen? Katharina Haverkamp vom Projekt Neue Arbeit Lahrund Christine Gessler-Unthan vom Institut für Berufsbildung und Sozialmanagement gGmbH in Erfurt berichten von ihren Erfahrungen. 

Welche Unterschiede gibt es in der Zusammenarbeit mit Frauen mit und ohne Fluchterfahrung?

Katharina Haverkamp: „Beim Betreuungsbedarf von geflüchteten und anderen Teilnehmerinnen gibt es kaum Unterschiede, bei der Sprachförderung allerdings schon. Wir haben die Erfahrung gesammelt, dass Frauen, die erst kürzlich angekommen sind, hoch motiviert sind zu arbeiten, teilweise sogar höher als Frauen, die bereits länger im SGBII-Bezug sind.“

Christine Gessler-Unthan: „Wenn die Frauen schon länger hier sind, ist bei ihnen mehr Wissen vorhanden. Gerade Mütter, die erst vor kurzem nach Deutschland gekommen sind, haben hingegen einen sehr hohen Orientierungsbedarf. Frauen, die in Gemeinschaftsunterkünften wohnen, wollen zum Beispiel wissen, wie sie zu einer eigenen Wohnung kommen können oder sie haben viele rechtliche Fragen. Auf diesen Frauen lastet ein hoher Druck, und häufig ist die psychosoziale Gesundheit aufgrund von traumatischen Erfahrungen und Sorgen um zurück gebliebene Familienmitglieder beeinträchtigt.“

Wie finden Mütter mit Fluchterfahrung mit den Projekten zusammen?

Katharina Haverkamp: „Wir versuchen die Mütter über verschiedene Kanäle zu erreichen: Zum einen werben wir in Kitas oder in der VHS für das Programm oder sind bei interkulturellen Straßenfesten mit Teilnehmerinnen vor Ort. Zum anderen haben wir ein großes Netzwerk mit Flüchtlingshelfern, Ämtern, gemeinnützigen und kirchlichen Organisationen. Wichtig ist auch, dass wir im Ältestenrat der syrisch-orthodoxen Gemeinde das Programm vorstellen konnten. Hier haben wir die (Ehe-)Männer angesprochen und sie davon überzeugen können, dass es für die Frauen gut ist zu arbeiten und sie so auch ein Vorbild für die Kinder sein können."

Was sind die größten Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit geflüchteten Müttern?

Christine Gessler-Unthan: „Die Frauen in unserem Projekt haben alle Kinder im Kita- oder Schulalter, da ist die Kinderbetreuung immer ein Thema. Denn die Verantwortung für das Funktionieren der Familie liegt in fast allen Fällen bei den Frauen. Doch die Netzwerke aus den Heimatländern sind weggefallen – das ist eine starke Belastung für die Mütter, wenn es um die Betreuung der Kinder geht. Und die Arbeitszeiten, gerade im Helferbereich, sind meist nicht besonders familienfreundlich. Neben der Kinderbetreuung sind die Sprachfähigkeiten der Frauen ein großes Problem. Häufig ist das ein noch größeres Hindernis bei der Arbeitsvermittlung als eine fehlende Qualifikation. Wir plädieren für mehr Frauenkurse zum Spracherwerb, für geschützte Lernräume, damit Frauen vorankommen.“

Katharina Haverkamp: „Die Frauen wissen nicht, was Arbeitgeber in der deutschen Arbeitswelt von ihnen erwarten. Haben die Frauen eine Ausbildung in ihrem Herkunftsland absolviert, ist diese oft nicht vergleichbar mit einem deutschen Abschluss. Die Anerkennungsverfahren enden daher oft mit Enttäuschung bei den Teilnehmerinnen. Wir müssen dann gemeinsam mit den Frauen Alternativen finden. Ein anderes Problem ist es, wenn die Frauen in ihren Heimatländern keinen Beruf gelernt und noch nie gearbeitet haben. Die Betreuungszeit und die Verweildauer im Projekt ist dann automatisch länger.“

Wie können „Stark im Beruf“-Projekte die Mütter bestmöglich unterstützen?

Katharina Haverkamp: „In den Maßnahmen behandeln wir alle Teilnehmerinnen - ob mit oder ohne Fluchthintergrund - prinzipiell gleich. Lediglich die modular aufgebauten Schulungsinhalte werden individualisiert. So entsteht eine große Gruppendynamik und es bilden sich Netzwerke, die auch nach Projektende bestehen bleiben. Die Mütter unterstützen sich so auch gegenseitig und vor allem die geflüchteten Frauen profitieren sehr von diesen Kontakten, die sie sonst nicht hätten. Mit dieser Vorgehensweise haben wir gute Erfahrungen gemacht. Unser Fokus liegt auf dem Thema Mütter mit Migrationshintergrund, so dass sich eine kleinteiligere Differenzierung erübrigt. Wichtig ist, dass in der Netzwerkarbeit erfahrene Träger die Frauen unterstützen. Denn genau das fehlende Netzwerk stellt das größte Risiko für Langzeitarbeitslosigkeit dar. Ebenso wichtig bei heterogenen Gruppen ist eine auf maximal 15 Personen beschränkte Teilnehmerinnenzahl.“

Christine Gessler-Unthan: „In unseren arbeitsmarktbezogenen Kursen haben wir kleine Gruppen von acht bis zwölf Frauen. Die Teilnehmerinnen sind allerdings gemischt was ihre Herkunft, ihren Bildungshintergrund und ihr Sprachniveau betrifft. Wichtig sind der Austausch und das Lernen der Mütter voneinander. Wir integrieren immer Praktika, damit die Frauen die deutsche Arbeitsrealität kennenlernen und sich ausprobieren können. Die Mütter mit Fluchterfahrung haben einen hohen Orientierungsbedarf. Daher bieten wir auch muttersprachliche Informationen zum Beispiel zu Arbeitsverhältnissen, Bildungssystem, Frauenrechten oder sozialer Teilhabe an.“