Praxisporträt des Projekts „Beschäftigungsförderung Göttingen (kAöR), Weststadtzentrum“ zum Thema Flucht

„Wir gehen mit den Müttern Schritt für Schritt“

Gemeinsam nähen, kochen oder Fahrradfahren lernen – das ist für viele geflüchtete Frauen der Einstieg in das Programm „Mama lernt mehr“ der Beschäftigungsförderung Göttingen im Weststadtzentrum. Projektleiterin Ruth Zinner erklärt ihren Ansatz: „Die Frauen, die zu uns kommen, sind sehr unterschiedlich, was ihre Schulbildung und Berufserfahrung angeht. Aber in diesen niedrigschwelligen Angeboten kommen alle zusammen, da gibt es keine Vorurteile. Und dabei merken sie: Hier geht es um mich, hier kann ich mich weiterentwickeln.“

Viele der Mütter, die am „Stark im Beruf“-Projekt „Mama lernt mehr“ in Göttingen teilnehmen, sind Flüchtlinge, viele weitere stehen auf der Warteliste. „Wir können leider nicht alle Interessierten in die Kurse aufnehmen“, so die Projektleiterin zur aktuellen Situation. Viele Mütter kommen aus den Erstaufnahmeeinrichtungen aus der Nachbarschaft, andere erfahren durch Teilnehmerinnen von den Angeboten. Für die Teilnahme am Programm gibt es keine Voraussetzungen, was den Aufenthaltsstatus anbelangt, die Frauen können direkt nach ihrer Ankunft beginnen, sofern sie nicht mit einem Arbeitsverbot belegt sind.

Traumatisierung ist ein Thema

Die fehlenden deutschen Sprachkenntnisse machen einen großen Unterschied aus zwischen der Arbeit mit den geflüchteten Frauen und den Frauen, die schon länger in Deutschland leben. Viele der geflüchteten Mütter durchlaufen zunächst einen Alphabetisierungskurs, bevor sie mit einem Integrationskurs auf A1-Niveau beginnen können. Um sich mit den Frauen verständigen zu können, arbeitet das Projekt daher eng mit Übersetzerinnen und Übersetzern zusammen.

Neu für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Projekt ist das Thema Trauma. „Ein Großteil der geflüchteten Frauen hat Einschneidendes erlebt. Da müssen wir langsamer arbeiten, Schritt für Schritt gehen. In der Regel sind sie sehr stark mit ihrem Asylverfahren beschäftigt, und wenn die Familie in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht ist, ist auch das schwierig. Die psychische und physische Belastungsfähigkeit ist dann natürlich entsprechend gering“, schildert Ruth Zinner die Herausforderungen. Um den Frauen psychologische Beratung anbieten zu können, arbeitet die Beschäftigungsförderung Göttingen eng mit dem Frauenhaus, dem Frauennotruf und Ärzten zusammen.

Das Ziel: Arbeiten

Trotz der schwierigen Situation kommen viele geflüchtete Mütter mit einem klaren Wunsch in das Projekt: Sie möchten arbeiten. Vor allem die Erwartungen von gut qualifizierten Frauen sind oft hoch. Dann müssen Ruth Zinner und ihr Team erst einmal das Verfahren zur Anerkennung von Berufsabschlüssen oder den Ablauf eines Studiums erklären. „Hier ist von uns viel Aufklärungsarbeit gefragt“, berichtet die Projektleiterin. Dennoch sei die Motivation vieler Frauen groß: „Wir haben beobachtet, dass die Mütter in den Familien oft die Stärkeren sind. Sie haben die Flucht hinter sich gebracht, managen die Familie und sie formulieren für sich einen klaren Weg, wie es weitergehen soll.“

Um für die geflüchteten Mütter eine Beschäftigung zu finden, arbeitet das Projekt eng mit der Maßnahme „WiG – Willkommen in Göttingen“ zusammen. Nach Abschluss des A1-Sprachkurses können die Frauen dort mit einem Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein der Agentur für Arbeit an berufsorientierten Kursen und individuellen Coachings teilnehmen. Benötigen die Teilnehmerinnen darüber hinaus Beratung, steigen viele Mütter nach der ersten Orientierung bei „Mama lernt mehr“ ein.

Erfolgreiche Kooperationen

Die Zusammenarbeit mit den Unternehmen vor Ort funktioniert in Göttingen über einen Runden Tisch, den das Projekt ins Leben gerufen hat. Hier können sich auch kleinere Unternehmen über Erfahrungen mit geflüchteten Müttern austauschen und sich direkt an das Projekt wenden, wenn sie Praktikums- oder Ausbildungsplätze zu vergeben haben. „Wir haben hier in Göttingen sehr viel Glück. Unsere Partner sind sehr engagiert. Dort leisten sie super Arbeit, obwohl sie keine anerkannten Zeugnisse haben“, berichtet Ruth Zinner von den erfolgreichen Kooperationen und ist sich sicher: „Wenn die großen Unternehmen vorleben wie die Einstellungen gelingen können, kommen die kleineren Betreibe hinterher.“