Hauptsache nicht den Kontakt verlieren

Beim „Stark im Beruf“-Projekt des Freundeskreises Asyl Karlsruhe e.V. können inzwischen alle Mütter an den Sprachkursen per Zoom teilnehmen – das war im letzten Frühling noch ganz anders. Um weiterhin technische Hürden und Ängste abzubauen, will der Verein auch nach der Corona-Pandemie einen „digitalen Tag“ pro Woche etablieren. 

Nach fast einem Jahr Sprachunterricht und Coaching unter Pandemie-Bedingungen hat das „Stark im Beruf“-Team vom Freundeskreis Asyl Karlsruhe e.V. (fka) eine konstante Routine etabliert - aber vielen Frauen fehlt es inzwischen an Energie. „In den letzten Wochen bemerke ich eine gewisse Pandemiemüdigkeit. Im Frühling hatten die Teilnehmerinnen noch mehr Kraft sich zu konzentrieren”, sagt Sprachkursleiterin Sima Pöhler.

Die Deutschkurse für Fortgeschrittene finden inzwischen über Zoom statt, den Anfängerinnen liefert der Freundeskreis die Unterlagen per Post und per Fahrrad. Hier seien die sprachlichen und technischen Hürden einfach noch zu hoch, erklärt Projektleiterin Yassmin Dawallu-Pöhler. Außerdem versuchen sie und ihre beiden Kolleginnendie aktuell fünfzehn Mütter mindestens einmal pro Woche telefonisch zu erreichen. „Auch wenn es nur zwei Minuten sind, wollen wir einfach hören, was es so gibt bei den Frauen - und es gibt eigentlich immer was zu besprechen”, so Dawallu-Pöhler.

Gruppe "Stark im Beruf" Kursteilnehmerinnen in Karlsruhe schauen aus dem Fenster in die Kamera
Yassmin Dawallu-Pöhler (re.) und Amy Pollitz (li.) mit Kursteilnehmerinnen im Sommer 2019

Technische Hürden überwinden

Dass inzwischen alle Frauen am Online-Unterricht per Zoom teilnehmen können, war im März des vergangenen Jahres noch nicht selbstverständlich. Viele Teilnehmerinnen hatten keine eigenen E-Mail-Adressen und nicht die notwendigen Geräte. Dem Verein fehlten allerdings die finanziellen Ressourcen, um Laptops oder Smartphones für die Sprachkurse anzuschaffen. Kurzerhand fragten die Organisatorinnen deshalb im Freundes- und Bekanntenkreis herum und konnten so allen Frauen die Teilnahme ermöglichen.

Dennoch läuft nicht immer alles reibungslos. Sima Pöhler erzählt beispielsweise von einer Mutter, die noch in einer Frauenpension wohnt und dort nur eine sehr schlechte Internetverbindung hat. „Es ist ärgerlich, wenn die Frauen so enthusiastisch sind, aber es dann wegen solchen technischen Problemen nicht klappt”, sagt Sprachlehrerin Pöhler.

Als in den Sommermonaten wieder Präsenzunterricht in Kleingruppen möglich war, fand der Unterricht weiterhin an einem Tag in der Woche online statt. „So konnten die Frauen technische Hürden überwinden und Ängste abbauen“, sagt Sima Pöhler. Auch nach dem Ende der Corona-Pandemie will das Team deswegen einen „digitalen Tag“ pro Woche beibehalten.

Das Stresslevel der Kursteilnehmerinnen steigt

„Die Frauen haben aktuell einen enormen Redebedarf und wollen sich untereinander austauschen”, berichtet Kursassistentin Amy Pollitz. Viele Frauen seien gestresst, machten sich viele Sorgen um ihre Zukunft. Um die größtenteils alleinerziehenden Mütter zu entlasten, kooperiert der Verein seit kurzem mit einem Karlsruher Qi Gong Studio. Alle Teilnehmerinnen können dort kostenlos an Entspannungskursen teilnehmen. Dort lernen sie Techniken für den Alltag, können gleichzeitig mit den anderen Teilnehmerinnen Deutsch sprechen und so ihre Sprachkenntnisse verbessern.

Positiver Blick in die Zukunft

Trotz Pandemie hatte der Verein keine Probleme, neue Teilnehmerinnen für ihre “Stark im Beruf”-Kurse zu finden. Das Team arbeitet eng mit dem Jobcenter zusammen und ist inzwischen in Karlsruhe so etabliert, dass viele ehemalige Teilnehmerinnen das Angebot an Freundinnen weiterempfehlen. Mit Blick auf die kommenden Monate ist der Freundeskreis Asyl deswegen zuversichtlich. „Ich finde, dass sich ein guter Geist entwickelt hat. Die Frauen unterstützen sich gegenseitig und sind sehr empathisch”, sagt Amy Pollitz. Ihre Kollegin Dawallu-Pöhler stimmt ihr zu, „doch unsere gemeinsamen Kochmittage vermisse ich wirklich sehr“.

Infos zum Projekt

Der gemeinnützige Verein „Freundeskreis Asyl“ aus Karlsruhe ist mit seinen Angeboten für Mütter mit Migrations- oder Fluchtgeschichte seit 2019 Teil des ESF-Bundesprogramms „Stark im Beruf“. Yassmin Dawallu-Pöhler und ihre Kolleginnen begleiten die jeweils 15 Frauen über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten und wollen ihnen so den Einstieg ins Berufsleben erleichtern.

Über die Hälfte der Teilnehmerinnen ist alleinerziehend, was die Jobvermittlung erschwert. Ziel des Angebots ist deswegen vor allem die Vorbereitung auf weitere Schritte zum Berufseinstieg und die Verbesserung der Deutschkenntnisse. Drei Monate lernen die Teilnehmerinnen „Deutsch im beruflichen Kontext“, erhalten parallel individuelle Berufscoachings, besuchen in Kooperation mit dem Jobcenter Workshops und absolvieren ein mehrwöchiges Praktikum. Parallel zu den Kursen können die Teilnehmerinnen kostenlose Angebote zur Kinderbetreuung nutzen. 

Mit dem Auslaufen des ESF-Bundesprogramms „Stark im Beruf“ Mitte nächsten Jahres endet beim Freundeskreis Asyl keineswegs das Engagement für Mütter mit Migrations- oder Fluchthintergrund. Der Verein hat sich bereits beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für ein neues Modellprojekt („Integrationskursestützende MiA-Kurse - Migrantinnen einfach stark im Alltag“) beworben und will weiterhin MiA-Kurse und Frauen-Erstorientierungskurse anbieten.