Erfahrungen nutzen und nachhaltig beraten

Auch in Bremerhaven hat die Pandemie bei der Kontaktstelle des ESF-Bundesprogramms „Stark im Beruf“ Arbeitsabläufe und Kontaktmöglichkeiten beeinträchtigt. Hier ist es den Projektverantwortlichen des Arbeitsförderungs-Zentrums gelungen, die Maßnahme fortzusetzen und die Teilnehmerinnen nicht aus dem Blickfeld zu verlieren. Und trotz Corona gehen die Wünsche und Pläne schon Richtung Zukunft.

Flexibel in Kontakt bleiben

Die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie hat die „Stark im Beruf“-Kontaktstelle „Erfolgreiche Migrantische Mütter Aktiv“ gut bewältigt. Die Mitarbeiterinnen konnten durch schnelles Agieren und Umdenken den Kontakt durch WhatsApp-Gruppen, Telefongespräche und – unter Einhaltung der Hygienevorschriften – auch durch persönliche Einzelberatungen halten. Die Maßnahme findet online statt, allerdings hat sich bemerkbar gemacht, dass die technische Ausstattung der Teilnehmerinnen zum Teil verbesserungswürdig ist. „Die Teilnehmerinnen benötigen eine gute Einführung in digitales Arbeiten. Eine Schwierigkeit sind fehlende digitale Endgeräte. Aber auch dort, wo welche vorhanden sind, können sie oft nicht eingesetzt werden, weil sie u.a. für das Homeschooling der Kinder benötigt werden“, bemerkt die Projektleiterin Derya Tat. „Es geht uns dabei nicht nur um Wissensvermittlung. Wir wollen digital eine positive Gruppendynamik wecken: Die Frauen sollen sich kennenlernen und gegenseitig unterstützen.“

Teilnehmerinnen der Veranstaltung verfolgen den Vortrag von Projektleiterin Derya Tat von ihren Plätzen aus.
Projektleiterin Derya Tat und Teilnehmerinnen während einer coronagerechten Gruppenveranstaltung

Gute Erfolge in schwierigem Umfeld

Die „Stark im Beruf“-Kontaktstelle „E.M.M.A.“ wird vom Arbeitsförderungs-Zentrum im Lande Bremen GmbH (afz) umgesetzt und unterstützt die Teilnehmerinnen bei der Berufswegeplanung. „Einige der Frauen bringen Berufsabschlüsse oder Schulabschlüsse aus ihrer Heimat mit und haben viele Ideen. Leider lässt sich oft vieles nicht so umsetzen, wie sie es sich wünschen“, berichtet Derya Tat. „Dann gilt es offen und ehrlich mit den Frauen über die beruflichen Perspektiven in Deutschland zu kommunizieren und kultursensibel zu beraten.“ Derya Tat kann die Probleme der Teilnehmerinnen einschätzen: Sie stammt selbst aus einer Einwandererfamilie – und sie war viele Jahre beruflich im Personalbereich und als Arbeitsvermittlerin aktiv. Deshalb kann sie auf ein breites Netzwerk mit guten Kontakten zum Jobcenter, der Arbeitsagentur und den Arbeitgebern in Bremerhaven zurückgreifen. Das zahlt sich gerade in schwierigen Zeiten aus: Trotz der Probleme und Hemmnisse hat das afz für alle Teilnehmerinnen Praktika angebahnt, die auch in der Pandemie und im zweiten Lockdown bis zum vereinbarten Ende durchgeführt wurden – sogar in Pflegeeinrichtungen. Dies war nur möglich durch die langjährige gute Zusammenarbeit mit der Pflegeeinrichtung und das Vertrauen, das dem afz und seinen Projekten entgegengebracht wird. Die Erfahrungen in den Praktika sind sehr wichtig: Sie tragen dazu bei, dass die Teilnehmerinnen sich verstärkt integrieren, am sozialen Leben in Deutschland teilhaben und somit langfristig eine Arbeitsaufnahme vorbereitet werden kann.

Die afz-Mitarbeiterinnen haben die Bewerbungsbemühungen während der Praktikumsphase der Frauen weiter verstärkt, so dass für gut zwei Drittel der  Teilnehmerinnen Anschlussperspektiven abgestimmt werden konnten: Insgesamt neun Mütter des aktuellen Jahrgangs konnten am Ende der Maßnahme Anfang 2021 in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, Teilzeit-Umschulung, Studium oder Qualifizierungen vermittelt werden – ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung Integration der Frauen.

Perspektiven für die Zukunft

Die erfolgreiche Arbeit möchten die afz-Mitarbeiterinnen gern über das Ende der Förderung durch das ESF-Bundesprogramm hinaus fortsetzen, da es in Bremerhaven dafür keine vergleichbaren Angebote gibt. Derya Tat würde sich für die Verstetigung ein Folgeprojekt wünschen, in dem Frauen stärker berücksichtigt werden, die nicht im Leistungsbezug sind. Auch anderen Frauen, die benachteiligt und unversorgt sind, würde sie gern ihre Unterstützung in einem Maßnahmenprojekt anbieten. „Die Frauen, die in keiner Statistik auftauchen, also Frauen, die weder arbeitssuchend oder arbeitslos gemeldet sind, sind bisher unversorgt“, betont sie.

„Das Jobcenter schätzt unsere Arbeit. Selbst kann es die große Masse der Kundinnen und Kunden nicht so intensiv beraten, wie wir das im Stark im Beruf-Projekt können“, berichtet Derya Tat. Die Beratung gehe häufig auch nach der Vermittlung weiter, erzählt die Projektleiterin. „Zuletzt haben wir beispielsweise einer ehemaligen Teilnehmerin, alleinerziehend mit drei Kindern, eine Teilzeit-Umschulung im kaufmännischen Bereich vermitteln können. Wir haben ihr dabei geholfen, einen Antrag auf einen Hortplatz für das jüngste Kind zu stellen, was trotz vieler Hindernisse letztendlich erfolgreich umgesetzt werden konnte. Andernfalls hätte die Teilnehmerin an der Umschulung nicht teilnehmen können.“ Eine nachhaltige Beratung und Unterstützung sei besonders wichtig, denn erst sie schaffe häufig die Voraussetzung, dass Frauen eine Erwerbstätigkeit aufnehmen können. Derya Tat hat einen Wunsch: „Es wäre schön und zugleich nachhaltig, wenn wir unsere Erfahrungen aus dem Stark im Beruf-Projekt weiter nutzen könnten.“

Infos zum Projekt

Die „Stark im Beruf“-Kontaktstelle „E.M.M.A“ in Bremerhaven unterstützt Mütter mit Migrationshintergrund oder Fluchtgeschichte beim (Wieder-) Einstieg ins Erwerbsleben. Die einzelnen Durchläufe dauern jeweils sieben Monate. In dieser Zeit erhalten 16 Teilnehmerinnen an fünf Tagen in der Woche Unterricht von 8:30 bis 12:45 Uhr. Dieses Teilzeit-Angebot erleichtert den Frauen die Kinderbetreuung. „Unsere Teilnehmerinnen bringen sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit“, berichtet Derya Tat. „Einige Frauen sind sehr bildungsfern, andere haben eine Ausbildung und sprechen schon ganz gut Deutsch.“
Neben dem Sprachunterricht und berufsbezogenen Themen gehören auch Potenzialanalysen und Fragen der Gleichstellung und Antidiskriminierung zum Programm der Kurse. Ein sechswöchiges Praktikum schließt jeden Durchlauf ab. Die Praktika haben zahlreiche positive Begleiteffekte: von der Ausweitung der Kinderbetreuung über bessere Kontakte zu Behörden und ihren Angeboten, bis hin zur Entwicklung von Berufsperspektiven. Träger der „Stark im Beruf“-Kontaktstelle ist das Arbeitsförderungs-Zentrum im Lande Bremen GmbH (afz).