Interview mit Minh-Khai Phan-Thi

Minh-Khai Phan-Thi

In Ihrem Buch „Zu Hause sein – Mein Leben in Deutschland und Vietnam“ befassen Sie sich mit Ihrem Leben in zwei Kulturen. Sie sind in Deutschland als Tochter vietnamesischer Eltern geboren. Wie sehr sind Sie von der vietnamesischen Kultur geprägt?

Die vietnamesische Kultur hat mich sehr stark geprägt. Bei uns zu Hause wurde vietnamesisch gesprochen, gegessen, und es wurden typisch vietnamesische Traditionen gepflegt wie beispielsweise der Ahnenkult. Ich versuche, das meinem Sohn, der 11 Jahre alt ist, weiterzugeben. 

Inwiefern bereichert die Erfahrung, in mehreren Kulturen zu Hause zu sein, Ihre Arbeit als Moderatorin und Schauspielerin?

Ich bin der festen Überzeugung, dass es ein Privileg ist, wenn man in mehreren Kulturen zu Hause sein darf. Als Kind war das anders. Ich habe mich häufig zwischen „zwei Stühlen“ gefühlt, nicht gewußt, wohin ich gehöre. Als Erwachsene habe ich begriffen, dass ich in beiden Kulturen zu Hause sein darf. Es sitzt sich auf zwei Stühlen besser - acht Stuhlbeine sind stabiler als vier! Für meine Arbeit als Moderatorin und Schauspielerin bedeutet es, dass ich mich aus beiden Kulturen „bedienen“ kann und somit vielfältiger einsetzbar bin.

Wie schaffen Sie es als Mutter, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen?

Diese Frage finde ich immer etwas merkwürdig und habe das Gefühl, dass nur bei uns in Deutschland diese Frage gestellt wird. Der Begriff der „Rabenmutter“ gibt es meines Wissens nur im Deutschen. In Frankreich beispielsweise gehen Frauen meist nach drei Monaten wieder arbeiten. In Vietnam ist es auch völlig normal, dass Mütter arbeiten gehen. Anders ist es nicht leistbar. Ich schaffe es wie Millionen anderer Mütter auch. Nur habe ich das Privileg, als freiberufliche Künstlerin nicht jeden Tag arbeiten gehen zu müssen. Mal bin ich am Stück viel weg, mal habe ich am Stück viel frei. Andere Mütter, die einen „nine to five“  Job haben, haben es da schon deutlich schwerer.


„Ich möchte, dass sich Frauen in mehr als einer Kultur wohl fühlen können und dies als Bereicherung erleben. Es ist ein Geschenk, wenn man erlebt, dass die eigenen Stärken gebraucht und wertgeschätzt werden. Die Vielfalt der Stärken macht unser Land bunt und lebenswert. Darum setze ich mich für das Programm „Stark im Beruf“ ein.“


Was macht das Bundesprogramm „Stark im Beruf“ für Sie besonders?

Da ich selbst eine Mutter mit Migrationshintergrund bin, finde ich dieses Programm enorm wichtig. Meine Mama ist mein Vorbild. Sie kam 1970 als 19-Jährige nach Deutschland und hat neben ihrem Deutschkurs angefangen, Chemie zu studieren, mich groß gezogen und ist arbeiten gegangen. Sie hat ihren Doktor in Chemie gemacht und konnte sich als vietnamesische Frau in ihrer neuen Heimat verwirklichen. Sie ist für mich die liebevollste Mutter der Welt und hat mir Eigenständigkeit, Disziplin, Fleiß und Ehrgeiz vorgelebt. Das Programm „Stark im Beruf“ fördert genau das! Man wird als Mutter mit Migrationshintergrund gefördert und somit erlangt man - neben der Eigenständigkeit - auch den Anschluss an diese Gesellschaft und kann sich besser integrieren und ist nicht isoliert. Nur wer ein zufriedener Mensch ist, kann auch eine gute Mutter sein. 

Was wünschen Sie den Teilnehmerinnen des Programms „Stark im Beruf“?

Ich wünsche den Teilnehmerinnen viel Erfolg und Durchhaltevermögen. Vor allem wünsche ich mir, dass viele Frauen daran teilnehmen. Sie werden eine Bereicherung für diese Gesellschaft sein und können so ihren Beitrag leisten, unser Land vielfältig zu halten. Gerade in der heutigen Zeit mit der Flüchtlingsproblematik und den Krisen in der Welt ist es wirklich wichtig, dass wir solidarisch zusammenrücken. Für mich ist dieses Programm eine enorme Bereicherung und eine Möglichkeit für Frauen mit Migrationshintergrund, sich zu integrieren!